Folge 2 – Jens Rickmann

FEEL THE BENEFITS: Warum Sie spätestens jetzt auf Gesundheit im Unternehmen setzen sollten

In dieser Folge unserer Podcast-Reihe „FEEL THE BENEFITS“ sprechen wir mit Dr. Jens Rickmann über Gesundheit in Unternehmen. Der Betriebsarzt der ALH Gruppe gibt im Gespräch einen sehr praxisnahen Blick auf betriebliches Gesundheitsmanagement, was das eigentlich ist und was es für die Umsetzung braucht. Dabei hat er spannende Tipps dabei und zeigt auf, was es bei BGM-Maßnahmen zu berücksichtigen gilt und wie sie umgesetzt werden sollten.

Unser Gast: Dr. Jens Rickmann

  • Betriebsarzt der ALH Gruppe
  • Sieht das Thema Prävention bei betrieblicher Gesundheit als wichtig an und ist deshalb Verfechter von betrieblichem Gesundheitsmanagement
  • Niemals hätte er an die Arbeitsmedizin gedacht, als er mit seinem Medizinstudium angefangen hat
  • „Wenn man Gesundheit und Krankheit in der Bevölkerung beeinflussen möchte, dann muss man den sogenannten Setting-Ansatz wählen. Das heißt, man geht dorthin, wo die Menschen leben, lieben, lernen, arbeiten.“
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Das Gespräch im Wortlaut:

Aline Aha: In der heutigen Folge haben wir unseren Betriebsarzt Dr. Jens Rickmann zu Gast.  Als Facharzt für Arbeitsmedizin der ALH Gruppe hilft Jens uns dabei, die Arbeitswelt gesund zu halten. Deshalb kann er uns viele Einblicke in die konkrete betriebliche Gesundheit geben, und das ganz praxisnah. Wie wird man eigentlich Betriebsarzt, Jens?

Dr. Jens Rickmann: Vielleicht fange ich einfach mal damit an, dass Arbeitsmedizin wirklich das aller letzte war, woran ich gedacht habe, als ich angefangen habe Medizin zu studieren. Ich wollte Internist werden und habe demzufolge dann nach dem Studium erst einmal in der Uniklinik in der Lungenheilkunde gearbeitet. Und nach drei Jahren kam es zu einer sehr denkwürdigen Nachtschicht in der medizinischen Notaufnahme. Da hatte ich nämlich als diensthabender Arzt dann so nach dem zweiten Herzinfarkt und der dritten Gallenkolik irgendwann nachts um halb drei das Gefühl irgendwie, es muss Medizin woanders ansetzen als hier in der Situation oder nur hier in der Situation, wo das Kind sozusagen schon in den Brunnen gefallen ist.

Aline Aha: Spannend – was hast du mit dieser Schlussfolgerung gemacht?

Dr. Jens Rickmann: Dann habe ich mich schlau gemacht: Was wäre denn eine Möglichkeit, in den Bereich zu gehen, wo die Medizin früher ansetzt? Und bin da auf die Arbeitsmedizin nun wirklich erst, da dann nach 6 Jahren Studium und 3 Jahren klinischer Betätigung auf das Feld der Arbeitsmedizin gekommen, als einziges primär präventives Fach in der gesamten Medizin. Das hat mich so in seinen Bann gezogen, dass ich dann sogar noch ein postgraduiertes Studium draufgesetzt habe in Public Health. Weil wenn man Gesundheit und Krankheit in der Bevölkerung beeinflussen möchte, dann muss man den sogenannten Setting-Ansatz wählen. Das heißt, man geht dorthin, wo die Menschen leben, lieben lernen, arbeiten und wirkt auf diese so ein, dass es zu Gesundheitsförderung und zum Zurückdrängen von Erkrankungen kommt. Und ich bin jetzt als Betriebsarzt und auch Gesellschaftsarzt in der Versicherungsmedizin an der Stelle, wo ich weiter sozusagen auf Bedingungen einwirken kann, um Menschen gesund zu halten, wo es nur möglich ist.

Sascha Marquardt: Man hört immer die Abkürzung BGM steht für betriebliches Gesundheitsmanagement. Was verbirgt sich da grob dahinter und wie blickst du als Betriebsarzt auf das Thema BGM?

Dr. Jens Rickmann: BGM muss man als allererstes mit einem großen Irrtum enttarnen bzw. aufräumen. Und unter BGM stellen sich ganz viele Menschen, was unglaublich komplex ist, etwas Schwieriges und auch Kostspieliges vor. Das ist ein folgenschwerer Irrtum. Betriebliches Gesundheitsmanagement ist erstmal nicht das Maßnahmenbündel, sondern das ist die geschickte Methode, mit der ich vorhandene Angebote so miteinander verknüpfe, dass sie wirksam werden. Und in diesem Angebot Korb sind Dinge drin, die verpflichtend für jeden Unternehmer sind, also betrieblicher Arbeits- und Gesundheitsschutz, betriebliches Eingliederungsmanagement, das sind alles Dinge, die verpflichtend sind. Und die kann ich dann erweitern mit Dingen, die bereits im Unternehmen sind, die auch eine Wirkung auf das Thema Gesundheit haben. Und wenn das sozusagen skalierbar ist oder immer wieder so stattfindet, dann ist genau auch der Nutzen für das Unternehmen dann gegeben. Das ist also BGM ist an der Stelle. Noch mal festzuhalten: BGM ist im Wesentlichen erstmal die Methodik, nicht das Füllhorn von Maßnahmen.

Sascha Marquardt: Welche Rolle spielst du als Betriebsarzt in dieser ganzen BGM-Welt?

Dr. Jens Rickmann: Als Betriebsarzt ist man derjenige, der sozusagen ein wichtiger Partner im Gesundheitsmanagement sein sollte. Auch ein Irrtum: der Betriebsarzt ist unser Gesundheitsmanagement. Das Unternehmen macht die Gesundheit bzw. das Gesundheitsmanagement und in dieser Struktur hat der Betriebsarzt eine ganz wesentliche Aufgabe. Einmal als Anlaufstelle für Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, die gesundheitliche Fragestellungen haben, bei denen es um Gesundheitsförderung geht. Das heißt, ein Mitarbeiter ist krank und wir überlegen gemeinsam im betrieblichen Kontext: Wie können wir trotzdem die Arbeitsfähigkeit und Leistungsfähigkeit erhalten? Also insofern ist er einmal Gesundheitsexperte in diesem Netz. Aber er ist auch ein ganz wichtiger Berater des Unternehmens. Wie bewerten wir denn die Risiken? Was tun wir denn dagegen? Das heißt, der Arbeitsmediziner ist sowohl für den Mitarbeiter da, als auch zu gleichen Teilen für den Unternehmer und berät diesen in all diesen Themen.

Aline Aha: Lass uns doch an dieser Stelle noch tiefer in die Praxis eintauchen. Welche konkreten Erkrankungen begegnen dir im Unternehmen am häufigsten und wie oft denkst du dabei hämisch: Mit ganzheitlichem BGM hätte man dem vorbeugen können?

Dr. Jens Rickmann: Ich greife einfach mal so drei Beispiele raus, was häufig ist und was in anderen Unternehmen tatsächlich auch immer wieder das Thema ist. Nehmen wir mal an, ein Mitarbeiter hat ein Problem mit dem Muskel-Skelett-Apparat. Das heißt, er hat Rückenschmerzen, die sich durch die Arbeit und bei der Arbeit sozusagen auch verschlechtern. Wenn es ein Betriebsarzt im Unternehmen gibt, ist eine sinnvolle Situation, diesen Betriebsarzt aufzusuchen. Ich war in einem Unternehmen Betriebsarzt, wo die Führungskraft dafür gesorgt hatte, dass sich in seinem Team eine Mitarbeiterin als Yogalehrerin qualifiziert hat. Und ich konnte den Mitarbeiter mit den Rückenschmerzen nicht nur beraten, sondern über die Führungskraft auch vermitteln, dass er Trainings in Anspruch genommen hat bei dieser Yogalehrerin.

Sascha Marquardt: Dann war dieser Mitarbeiter bestimmt froh dich zu haben. Gibt es auch noch andere Themen, die du wichtig findest?

Dr. Jens Rickmann: Häufiges Beispiel, was sehr oft zu sehr schwierigen Situationen führt, insbesondere wenn Unternehmen im BGM eher nicht gut aufgestellt sind, ist das Thema psychische Erkrankung oder die Verhinderung von psychischen Erkrankungen. Konkretes Beispiel: Mitarbeiter öffnet sich einem Kollegen gegenüber, dass er schwerste seelische Probleme hat und der ermuntert den Mitarbeiter, zum Betriebsarzt zu gehen. Der Betriebsarzt hat, wenn er gut vernetzt ist, Möglichkeiten, eine Psychotherapie auf den Weg zu bringen oder den Mitarbeitern einen Psychotherapie-Platz auch zu vermitteln. Und dann kommt ein ganz entscheidender Punkt: dann ist der Patient in dem Falle gut versorgt. Aber wir brauchen ihn ja zurück an der Arbeit.

Sascha Marquardt: Was sind dann mögliche nächste Schritte?

Dr. Jens Rickmann: Hier greift dann das betriebliches Eingliederungsmanagement. Wenn es wirklich funktioniert, dann kann man schon zu einem frühzeitigen Zeitpunkt gemeinsam mit mehreren Experten im Unternehmen den Mitarbeiter wieder an den Arbeitsplatz zurückbringen. Und das kann kein Betriebsarzt allein schaffen. Das schafft auch allein eine Führungskraft nicht, weil eine Führungskraft ja das auch nicht bewerten kann. Und dafür ist dieses betriebliche Eingliederungsmanagement da und das sehen wir auch als ein Merkzeichen eines guten BGM. Wenn die Menschen in dieser Struktur gut miteinander arbeiten können, dann können auch für ganz komplexe Fragestellungen und medizinische Probleme Lösungen im betrieblichen Kontext hergestellt werden. Der Gewinn liegt darin, ihn schnellstmöglich auch wieder unter Beachtung seiner Erkrankung an den Arbeitsplatz zurückzubringen.

Aline Aha: Spannend. Erst mal so eine ganzheitliche Sicht auf diese Thematik, nicht nur in eine Richtung hinein.

Dr. Jens Rickmann: Das ist genau die Krux von Unternehmen, die sehr oft viel Geld investieren in ganz viele Maßnahmen und denken „Mensch, wir haben doch so tolle Sachen“ und sich dann immer wundern darüber, warum kriegen wir dann gewisse Probleme trotzdem nicht gelöst und das Gefühl haben „Okay, wir müssen noch mehr dran basteln“. Nein, das was wir haben, müssen wir so miteinander verbinden, dass es in eine systemische Wirkung kommen kann, in eine Struktur, die miteinander funktioniert.

Aline Aha: Lass uns kurz über etwas sprechen, das uns alle betrifft: die aktuelle pandemische Lage. Wie hast du Zeit insbesondere bei der ALH Gruppe erlebt? Hat sich durch diese spezielle Situation vielleicht auch der Blick von Unternehmen auf das Thema BGM verändert?

Dr. Jens Rickmann: Absolut. Die Corona-Pandemie ist in vielfacher Hinsicht eine Riesenherausforderung für Unternehmen, aber eben auch eine ganz große Chance. Die Betriebsmedizin kann so etwas allein nicht managen. Hier müssen sich verschiedene Vertreter im Unternehmen ganz schnell in einer Struktur zusammenfinden, ein Koordinationskreis oder ein Krisenstab. Der muss schnell entscheidungsfähig sein und da muss eine Kommunikation laufen, die sofort sozusagen die aktuelle Lage auch immer zu den Mitarbeiterinnen bringt. Es reicht bei solch schwierigen Problemen eben nicht, wenn ein Experte da ist, sondern es müssen eben Experten in ihren Rollen jeweils zusammenkommen, um solche Sachen zu lösen. Und tatsächlich ist mir jetzt in der Corona-Pandemie begegnet, Unternehmen, die gesagt haben: Spätestens jetzt wissen wir um den Wert unseres BGM und um den Wert unserer Betriebsärzte und Krankenschwestern. Mir ist genau das Gegenteil auch begegnet, dass Unternehmen zutiefst enttäuscht waren, dass der ein oder andere sich wegduckt oder auch der eine oder arbeitsmedizinische Kollege wirklich überfordert war mit der Situation. Und zwar nicht nur im Management der Pandemie, sondern auch beim Thema betriebliche Corona-Impfungen. Insofern ist die Corona-Pandemie ganz große Herausforderung. Da ist viel Enttäuschung auch passiert, aber auch ganz viele positive Erkenntnisse und Chancen für die Zukunft.

Sascha Marquardt: Man erkennt daran sehr eindrücklich, welche Bedeutung das betriebliche Gesundheitsmanagement in unserem Konzern hat, weil wir es uns nicht nur vornehmen, sondern es auch aktiv betreiben. Das erkennt man auch daran, dass wir als Anbieter einer betrieblichen Krankenversicherung selbstverständlich für unsere Belegschaft eben eine solche eingeführt haben, also ein vom Arbeitgeber finanziertes zusätzliches Benefit. Welche Rolle spielt eine solche betriebliche Krankenversicherung aus deiner Sicht als Betriebsarzt?

Dr. Jens Rickmann: Auch hier wieder, wenn du im BGM-Denken drin bist. Wir nehmen alles, was hier im Unternehmen möglich ist. Dann nehmen wir logischerweise auch die betriebliche Krankenversicherung mit in diese BGM-Gruppe. Warum? Weil dort kann die betriebliche oder Vertreter der betrieblichen Krankenversicherung können ja nicht nur selbst als Experten und auch als Innovatoren dienen in einem BGM. Sondern sie haben noch einen weiteren sehr positiven Aspekt auch für den Unternehmer. Sie treten ja zum Teil eben auch als Finanzier auf, als Finanzier für Angebote, die ergänzen. Dort, wo da Lücken entstehen, an der Stelle kann eine bKV eingreifen und kann das Ganze sozusagen sinnvoll zum Beispiel mit Angeboten der Prävention oder Vorsorgeangeboten ergänzen. Und das Schöne auch hier wieder: ein gutes BGM kennzeichnet sich auch dadurch, dass ein Mitarbeiter wahrnimmt: Ach guck mal, mein Unternehmen kümmert sich hier wirksam um meine Gesundheit und zwar auch an den Übergängen vom Betrieb zu meiner privaten Gesundheit.

Aline Aha: Dann lass uns doch zum Abschluss noch einen kleinen Blick in die Zukunft werfen: Worauf sollten Unternehmen deiner Meinung nach beim Thema BGM künftig besonders achten? Und welche Rolle spielen dabei die Verantwortlichen für diese Gesundheitsthematik?

Dr. Jens Rickmann: Also den Verantwortlichen möchte ich gerne zurufen an dieser Stelle: BGM ist nichts, wovor man Angst haben muss. Ganz im Gegenteil. Also das erste, was ich vorschlagen würde: Wir schaffen erst mal gemeinsam Ordnung. Wir gucken erst mal auf das, was sie haben. Und da entsteht häufig die Situation, dass ein Unternehmer sagt: Ja, Gott, ich habe gar nichts, und das muss erst alles neu aufgebaut werden. Und wenn man das alles mal zusammenträgt, was er alles hat, dann kann man damit auch schon arbeiten. Und das ist dann für einen Unternehmer auch so ein Aha-Erlebnis. So im Sinne von: Das was du hast, verbindest du miteinander. Und was ich auch sagen muss, ist eben über das Arbeits-, Sicherheits- und Arbeitsschutzgesetz und über die Vorschriften der Unfallversicherung gibt es ja eine Verpflichtung, auch Arbeits- und Gesundheitsschutz anzubieten. Und da ist kein Unternehmen befreit. Und da sage ich immer: „Mensch, wenn es doch rechtliche Verpflichtung ist, dann achte doch lieber darauf, dass das Geld, was du da investieren musst, dass das dir und deinem Unternehmen und deinen Mitarbeitern auch wirklich einen Nutzen bringt.“ Und das macht man über BGM.

Sascha Marquardt: Lieber Jens, vielen Dank für diese spannenden Einblicke in deine praktische Arbeit, die ich insbesondere deshalb sehr spannend finde, weil man sie einfach einmal aus dem Blickwinkel eines Betriebsarztes erleben durfte. Das Gespräch hat uns echt viel Spaß gemacht und wir sind wirklich gespannt, was in den nächsten Jahren auf die Unternehmer zukommt, welche Herausforderungen uns begegnen. An dieser Stelle vielen Dank für dieses tolle Gespräch und lieben Dank.

Dr. Jens Rickmann: Ja sehr gerne und ich danke euch auch nicht nur für dieses sehr angenehme Interview, sondern ich danke euch auch, dass ihr euch auch mit diesen Themen beschäftigt, weil das sind sehr wichtige Themen.