In dieser Folge unserer Podcast-Reihe „FEEL THE BENEFITS“ sprechen wir mit Karin Goldstein über betriebliches Gesundheitsmanagement (BGM). Da Karin nicht nur miterlebt hat, wie es ist, BGM im Unternehmen zu etablieren, sondern hier schon als Pionierin selbst erste Schritte gegangen ist, berichtet sie uns über ihre Erfahrungen und gibt praxisnahe Tipps, wie die Einführung gelingen kann. So viel vorab: ein Obstkorb alleine reicht dafür nicht.

Karin Goldstein

  • BGM-Expertin und Geschäftsführerin von Goldstein Management GmbH
  • Karin Goldstein berät Newcomer im Thema BGM und unterstützt sie bei der Einführung
  •  Ihr Ziel: die Gesundheit und Leistungsfähigkeit der Beschäftigten nachhaltig zu fördern

Das Gespräch im Wortlaut:

Sascha Marquardt: Heute möchten wir spannende Insights in das betriebliche Gesundheitsmanagement (BGM) geben. Zu Gast bei uns ist heute Karin Goldstein, langjährige Expertin und Fachcoach für BGM. Sie ist Geschäftsführerin der Goldstein Management GmbH. Schön, dass du dir heute die Zeit genommen hast, liebe Karin. Herzlich willkommen bei uns.

Karin Goldstein: Sehr gerne! Vielen Dank für die Einladung.

Sascha Marquardt: Karin du berätst kleine und mittelgroße Unternehmen über strategische und konzeptionelle Aspekte und Ansätze zu BGM-Konzepten und begleitest auch deine Kunden bei der Ein- und bei der Durchführung. Und als ehemalige Leiterin des Health Managements bei der Commerzbank kannst du uns heute über deine ersten Schritte praxisnah zum Thema BGM berichten. Was war denn damals dein Hauptziel, als du Leiterin des Health Management warst?

Karin Goldstein: Ich hatte im Grunde zwei Hauptziele. Das eine war, ich wollte die Mitarbeitenden und die Führungskräfte im Unternehmen gut unterstützen, damit sie in einem ziemlich anspruchsvollen Arbeitsumfeld körperlich und vor allem eben auch psychisch gesund bleiben. Und der zweite Punkt waren die Wahrnehmung und das Standing von BGM. Mir war das immer ein Anliegen, dass BGM ein strukturiertes und wirklich systematisches Vorgehen ist und dass BGM ein Teil des Personal Managements ist und auch so gesehen wird. Und eben nicht, wie das mal ein Kollege von mir formuliert hat, eine Mischung aus Erdbeertee und Räucherstäbchen.

Aline Aha: Dein Ziel ist es also, die Arbeitswelt ein Stückchen gesünder zu machen neben den Managementaufgaben. Denkst du da an den klassischen Obstkorb und an das kostenlose Wasser im Startup?

Karin Goldstein: Damit meine ich vor allen Dingen, dass die Arbeitsverhältnisse im Unternehmen gesundheitsfördernd gestaltet werden müssen. Da geht es um die Kultur und insbesondere um die Führungskultur. Führungskräfte haben einen großen Einfluss auf die Motivation, auf die Leistungsfähigkeit und auch auf Fehlzeiten von Beschäftigten. Da sind sie sich manchmal vielleicht gar nicht so darüber im Klaren darüber. Und diesen Einfluss, den können sie nutzen, damit Beschäftigte gesund und leistungsfähig bleiben. Mir geht es vor allen Dingen darum, die Arbeitswelt ein Stückchen gesünder zu machen, dass es normaler wird, bei wichtigen Entscheidungen die Gesundheit mitzunehmen.

Sascha Marquardt: Wie sieht das in der Praxis aus?

Karin Goldstein: Ich mache ein Beispiel: ein Unternehmen in Dreischichtbetrieb. Die Beschäftigten dort haben verschiedene Rhythmen, die eigentlich gegen unseren normalen Biorhythmus gehen. Wie kann ich diese Beschäftigten in ihrer Ernährung unterstützen? Im Schlafrhythmus unterstützen? Was sind denn eigentlich gute Arbeitsrhythmen in so einem Dreischichtbetrieb? Also bei wichtigen Entscheidungen: Hinschauen. Was bedeutet das für die Beschäftigten? Wie kann ich als Unternehmen die Rahmenbedingungen dort gesund gestalten? Das ist das, was ich darunter verstehe und natürlich ist ein Obstkorb auch nett, gehört auch irgendwie am Ende dazu. Kann man machen, aber das ist kein BGM. BGM ist, in wichtigen Entscheidungen mitdenken und das sehr systematisch machen.

Aline Aha: Kannst du uns ein paar Insights geben und uns erzählen, wie deine ersten Berührungspunkte mit dem BGM aussahen?

Karin Goldstein: Ich war im Backoffice des Unternehmens, hatte aber eine Ausbildung im Thema Gesundheitspädagogik. Eines Tages kam mein damaliger Chef zu mir und hat mir eine Fehlzeiten-Liste auf den Tisch gelegt. Dann hat er es mir hingelegt und gesagt: „Hallo Frau Goldstein, Sie haben doch da was mit BGM gemacht. Machen Sie doch mal was.“ Und so haben wir angefangen zu schauen, woran kann das liegen? Warum sind die Fehlzeiten so hoch und dann auch mit dem Betriebsarzt, mit der Sicherheitsfachkraft über erste Maßnahmen nachzudenken und die dann auch umzusetzen.

Aline Aha: Nun warst du vor einigen Jahren selbst mal Anfängerin in Sachen BGM. Was würdest du den heutigen Einsteigern mit auf den Weg geben?

Karin Goldstein: Wenn heute jemand mit BGM startet, dann würde ich sagen: Auf keinen Fall sofort mit irgendwelchen Maßnahmen loslegen, ohne zu wissen, was mein Chef von mir erwartet. Es gibt jemanden, der hat Erwartungshaltungen, was mit BGM bewirkt werden soll, was da am Ende bei rauskommen soll. Die muss ich als Gesundheitsmanager oder als Personaler kennen und aktiv abfragen. Dann denke ich, ist es auch wichtig, mal ins Gespräch zu gehen, mit Führungskräften, mit Beschäftigten und mir mal ein Stimmungsbild abzuholen. Als BGM’ler mal zu hören: Wie geht es denn den Führungskräften? Was würden die denn anders machen? Was würden die denn verbessern, wenn sie könnten? Oder wenn sie in meiner Position wären?

Aline Aha: Was ist mit den Beschäftigten? Wie gehe ich da vor?

Karin Goldstein: Das gleiche mit Beschäftigten. Und dann? Unbedingt eine Standortbestimmung. Auch mit Zahlen machen, sich Fehlzeiten-Listen holen, sich anschauen, wie ist die Fluktuation? Wie viele Leute kündigen? Vielleicht die Ergebnisse von Beschäftigtenbefragungen aus der Vergangenheit nehmen. Wie schätzen die Mitarbeiter oder die Führungskräfte gerade die Situation im Betrieb ein? Und daraus kann ich als Neuer oder als Neue in diesem Thema, der gerade anfängt, mir ein Bild machen, fragen: Wo stehe ich als Unternehmer im Thema Gesundheit? Und dann kann man sagen: Okay, was sind die Erwartungen und wo will ich hin? Und ich kann mir mal Ziele definieren. Erst wenn man die hat, dann kann man auch wirklich sinnvolle Maßnahmen erarbeiten.

Sascha Marquardt: Karin, warum ist aus deiner Sicht BGM für ein erfolgreiches Unternehmen denn ein ganz unverzichtbares strategisches Instrument für die Zukunft?

Karin Goldstein: Du sagst es ja richtig, es ist ein strategisches Instrument. Wenn ich als Geschäftsführer oder Personaler Ziele habe, dann ist BGM ein wichtiger Bestandteil, um die auch zu erreichen. Also nehmen wir mal ein Beispiel: wenn jetzt ein Geschäftsführer zuhört, hat er doch wahrscheinlich das Ziel, dass die Fehlzeiten niedrig sind, dass die Leute arbeiten, dass sie kreativ sind, dass sie innovativ sind. Wenn sie das nämlich nicht sind, dann hat das Einfluss auf Produktivität, auf die Wertschöpfung. Und damit sie tatsächlich motiviert und gesund arbeiten, muss ich als Unternehmer auch bestimmte Rahmenbedingungen geben. Und die Unternehmen, die ich kenne, die das tun, die da wirklich vorbildlich sind, die tun es sehr strategisch und messen auch, was dabei rauskommt.

Aline Aha: Wie kann ich das messen?

Karin Goldstein: Es gibt Kennzahlen, die man regelmäßig überprüfen kann und auch steuern kann. Man wird sehen dass, wenn BGM nicht als so ein kurzzeitiges Projekt gesehen wird, sondern wirklich als dauerhafte Aufgabe im Unternehmen, das auch entsprechend positiv auf Produktivität, auf Motivation einwirkt. Und ein anderes Beispiel ist der Personalleiter. Als Personalleiter wünsche ich mir doch, dass ich auch am Markt attraktive Fachkräfte kriege, gut ausgebildete Leute, Leute vielleicht auch von der Uni. Dafür brauche ich ein Arbeitgeber-Image, ein Employer Branding. Was nach außen auch ausstrahlt, dass bei uns auf Gesundheit wert gelegt wird, auf Work-Life-Balance, auf Wertschätzung. Und genau das sind die Ziele, die ein betriebliches Gesundheitsmanagement eben auch verfolgt. Und es ist auch die Strategie, die ein BGM verfolgt, dass ich am Markt gesehen werde mit der entsprechenden Öffentlichkeitsarbeit. Also von daher ist BGM ein Instrument, die Ziele des Unternehmens zu erreichen. Und wenn man es strategisch, nachhaltig und dauerhaft macht, schafft man das auch.

Sascha Marquardt: Und ich glaube auch ein Ausdruck der unternehmerischen Verantwortung und ein Ausdruck für die Wertschätzung der Mitarbeiter. Warum tun sich dennoch so viele Unternehmer und Unternehmerinnen schwer mit diesem Thema?

Karin Goldstein: Das hat sicherlich mit verschiedenen Dingen zu tun. Das eine ist, der Nutzen ist nicht in Euro richtig greifbar. Da müssen wir mal ganz ehrlich sein. Wenn ich vielleicht Schreibtische einspare, wenn ich sage, keiner mehr hat einen festen Schreibtisch und wir haben 2000 Leute, aber nur noch 900 Schreibtische, dann kann ich unterm Strich genau ausrechnen, was mir das an Euro einspart. Das geht im BGM so nicht. Ja, ich kann diesen Return on Invest nicht 100 Prozent berechnen. Das heißt, ich habe als Unternehmen nur die Möglichkeit, es selbst auszuprobieren. Für einzelne Maßnahmen gibt es tatsächlich ROI, aber nicht für das BGM im engeren Sinn. Bei vielen fehlen auch Wissen und die Zeit, es zu tun im Tagesablauf, weil so viele andere Dinge ja so wichtig sind. Sind sie auch, gar keine Frage. BGM ist ein Investment und beim Investment muss ich immer erst mal in Vorleistung treten. Also insofern, aber ich glaube, das sind die Punkte: Nutzen, Zeit und Know-how.

Aline Aha: Was würdest du sagen: Ist für BGM zwingend ein Gesundheitsmanager*in notwendig oder kann dies auch zum Beispiel über eine Personalabteilung oder andere Abteilungen laufen?

Karin Goldstein: Also meistens ist ja der Gesundheitsmanager tatsächlich auch Teil der Personalabteilung. Ich glaube nicht, dass man einen Fulltime-Verantwortlichen braucht. Es kommt auf die Größe des Unternehmens an. Ich glaube schon, dass man einen Verantwortlichen braucht, wo immer der sitzt, das kann auch durchaus in der Personalabteilung oder in einem ganz anderen Bereich sein. Aber einer oder eine, bei dem die Fäden zusammenlaufen. Betriebliches Gesundheitsmanagement muss sich vernetzen. Manchmal muss man im Recruiting noch ein bisschen das Thema platzieren. Manchmal braucht man in der Führungskräfte-Entwicklung noch ein paar Module, die aus dem BGM kommen. Also der Gesundheitsmanager muss die Fäden in der Hand halten. Und deshalb glaube ich, es braucht einen Verantwortlichen, aber der kann das auch Teilzeit machen. Insofern, was schlecht ist: es komplett outsourcen. Eine Krankenkasse ist sicherlich ein wichtiger Unterstützer für das Thema. Aber eine Krankenkasse kann nicht der Knotenpunkt im Unternehmen sein und insofern braucht es einen Verantwortlichen.

Aline Aha: Ja, das denke ich auch. Wenn kein Verantwortlicher da ist, dann fühlt sich keiner so richtig verantwortlich. Eben genau dann wird es wahrscheinlich nicht zum Ziel führen. Kannst du Unternehmen, die jetzt vielleicht sagen: „Hey, ich möchte mit dem BGM starten“, die Sorgen nehmen und beschreiben, inwieweit sich die Investition am Ende dann auch wirklich finanziell lohnt.

Karin Goldstein: Da sind wir eben genau bei dieser Nutzen-Berechnung. Aus meiner Sicht muss man es wirklich ausprobieren. Das kann dann zum Beispiel so laufen, dass man am Anfang mal eine Befragung macht. Oder man macht einen Workshop und guckt: Wo stehen wir? Was ist die Situation? Wenn man Maßnahmen umgesetzt hat, guckt man noch einmal und fragt wieder: Wie bewerten die Beschäftigten jetzt ihre Arbeitssituation? Oder wenn man sieht, es haben sich die Fehlzeiten verbessert. Natürlich kann man das dann auch als Unternehmen mal umrechnen. Was bedeutet denn das, wenn plötzlich weniger Leute fehlen? Ja, und dann hat man entsprechend den finanziellen Nutzen. Aber ich sage noch einmal, das ist schwer unterm Strich zu greifen. Man wird es spüren, wenn die Stimmung, die Motivation, die Kreativität im Unternehmen eine ganz andere ist.

Aline Aha: Also sich im Großen und Ganzen nicht abschrecken lassen. Und lieber Step-by-Step das Ganze angehen und dann, wie du schon gesagt hast, evaluieren.

Karin Goldstein: Ja, das ist noch mal ein wichtiger Punkt. Es ist nicht so groß, es ist groß in den Konzernen, aber das muss es nicht sein. Nirgendwo steht, dass betriebliches Gesundheitsmanagement so eine riesengroße Sache ist, die unheimlich viel Geld kostet. Man kann das als kleines Unternehmen ganz, ganz individuell halten und mit wenigen Schritten viel erreichen.

Sascha Marquardt: Welche Rolle spielt denn in deinen Augen eine betriebliche Krankenversicherung als Teil des BGM?

Karin Goldstein: Im BGM versuchen wir ja nicht nur die Verhältnisse gesund zu gestalten, sondern auch das Verhalten. Das Verhalten von Beschäftigten, weil selbstverständlich ein Beschäftigter auch eine Eigenverantwortung für seine Gesundheit hat. Und dazu gehört Prävention. Also als BGM’ler will ich Prävention fördern. Natürlich gehören da auch beispielsweise Gesundheitschecks dazu. Da gehört dazu, dass ich als Mitarbeiter Krebsvorsorge-Untersuchungen zum Beispiel regelmäßig machen lasse. Wenn diese Dinge, die vielleicht von der gesetzlichen Krankenkasse nicht bezahlt werden, wenn die natürlich beispielsweise durch eine betriebliche Krankenversicherung gefördert werden, wenn sie plötzlich kostenlos sind für einen Beschäftigten, wenn ich eine Beratung dort kriegen kann, dann ist das ein Bestandteil eines BGMs. Ich würde nicht sagen, dass eine betriebliche Krankenversicherung BGM ist, aber ein Obstkorb und Wasser sind es auch nicht, sondern es ist ein Bestandteil eines Mixes. Was ich mir als Unternehmen zusammenstelle, was systematisch sein muss und was bedarfsorientiert sein muss. Und da hat auch sicherlich die bKV ihren Platz.

Sascha Marquardt: Ich glaube auch, dass sich beides gegenseitig fördert. Dass sich beides im Unternehmen gegenseitig stützt und in der Kommunikation quasi voranbringt. Hast du zum Schluss noch einen besonderen Tipp für unsere Hörer, wie diese, vielleicht noch heute ganz konkret, mit einer kleine BGM-Maßnahme anfangen könnten?

Karin Goldstein: In den meisten Unternehmen gibt’s bereits irgendetwas oder auch mehrere Dinge, die auf die Gesundheit einzahlen. Das kann der Gesundheitstag sein. Das kann der Stadtlauf sein, das kann Wasser umsonst sein oder das sind besonders flexible Arbeitszeiten. Wenn es sowas im Unternehmen gibt, mein Vorschlag: Setzen Sie sich heute noch hin. Packen Sie das alles mal zusammen auf eine, von mir aus Intranetseite und machen Sie da einen entsprechenden Text dazu, was es alles im Unternehmen bereits gibt. Weil meine Erfahrung ist: Es gibt viel und kaum einer weiß es. Dann eine Analyse machen und auch hier wieder eine Standort-Analyse. Es muss nicht die große Mitarbeiterbefragung sein. Am Ende hat man ein Handlungsfeld, wo alle sagen, da müssen wir dringend was tun. Und dafür würde ich dann gemeinsam Maßnahmen erarbeiten. Das wären meine zwei Vorschläge, wie man ganz konkret heute anfangen kann.

Aline Aha: Vielen Dank für diesen inspirierenden Austausch. Wir schauen gespannt in die Zukunft und verfolgen wirklich fleißig, wie sich die betriebliche Gesundheit weiterentwickelt. Und dir wünschen wir alles Gute.

Karin Goldstein: Ja, vielen Dank! Noch mal herzlichen Dank für die Einladung, bis bald.

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