In dieser Folge unserer Podcast-Reihe „FEEL THE BENEFITS“ sprechen wir mit Bernd Raffelhüschen über den demographischen Wandel, wie Arbeitgeber das Glücksgefühl der Mitarbeiter beeinflussen können und warum der Fachkräftemangel eine Legende ist. Durch seine vielseitigen Forschungsschwerpunkte und sein bewährtes Expertenwissen kann unser Gast viele Phänomene anschaulich erklären und Tipps mitgeben, wie man als Arbeitgeber diese Herausforderungen am besten angehen sollte.
Mann steht mit verschränkten Armen vor einem großen Bücherregal und lächelt.

Prof. Dr. Bernd Raffelhüschen

  • Professor für Finanzwissenschaft und Direktor des Forschungszentrums Generationenverträge an der Albert-Ludwigs-Universität Freiburg
  • Forschungsinteressen: Sozial- und Steuerpolitik (insb. Alterssicherung), Gesundheitsökonomie und Pflegevorsorge
  • Er beteiligt sich immer wieder an Fragen der praktischen Sozialpolitik (z.B. Mitglied der Rürup-Kommission)

Das Gespräch im Wortlaut:

Aline Aha: Herr Raffelhüschen, in einem Ihrer Vorträge haben Sie es ganz plakativ deutlich gemacht und gesagt, dass in den 60er, 70er Jahren noch 3 bis 4 Menschen einen Rentner versorgt haben. Dieser Rentner hat dann im Durchschnitt zehn Jahre Rente erhalten. Heute sind wir bei zwei Menschen, die einen Rentner versorgen und die durchschnittliche Rentenbezugszeit ist nicht mehr 10, sondern 20 Jahre. Man sieht also, die Dinge haben sich fundamental geändert. Übertragen auf den Arbeitgeber: Was wird unter dem Gesichtspunkt der demographischen Entwicklung in Deutschland auf diesen zukommen?

Bernd Raffelhüschen: Gut, demografisch ist die Sachlage eigentlich klar und sie war immer klar. Wir haben seit 40 Jahren davon gesprochen, dass wir an allen Flanken Probleme bekommen werden. Und ein Arbeitgeber hat im Moment Probleme, überhaupt Leute zu bekommen, die er als Arbeitnehmer beschäftigen kann. Auch das haben wir ihm vorausgesagt. Das ist nichts, was überraschend kommt, dieser Facharbeitermangel, den haben wir längst erkannt und das wussten wir schon seit Jahrzehnten. Wir wussten auch seit Jahrzehnten, dass die Menschen immer älter werden. Wir wussten seit Jahrzehnten, dass die Bezugsdauer sich quasi verdoppelt. Das sind alles Dinge, die natürlich junge Generationen von Erwerbstätigen belasten werden.

Sascha Marquardt: Wenn wir rüber schauen zur Pflegesituation, hat das natürlich auch dort gravierende Auswirkungen. Immer mehr Menschen werden pflegebedürftig, immer früher. Was hat das für Auswirkungen auf Arbeitgeber?

Bernd Raffelhüschen: Die Auswirkungen für den Arbeitgeber in der Pflege sind relativ klar vorgezeichnet. Er wird für familiäre Pflege Flexibilisierung in der Arbeitszeit seiner Arbeitnehmer schaffen müssen. Denn wir brauchen unbedingt jede Hand, die pflegt. Wir brauchen auch mal Auszeiten, um die ersten acht Wochen in der Pflege der Mutter oder des Vaters zu organisieren. Das sind alles Dinge, auf die man sich sehr stark einstellen muss. Allerdings, und das muss man sehen, die Arbeitgeber werden natürlich auch von den Beiträgen her belastet. Man vergisst oft, dass die Arbeitgeber die Hälfte dazu zahlen müssen. Und wenn wir beispielsweise im Jahr 2045 fast zweieinhalb bis dreimal so viele Pflegefälle haben wie heute, die von vielleicht 2/3 bis 3/4 der heutigen Beitragszahler zu finanzieren sind, dann heißt das, dass die Beiträge nicht dort bleiben, wo sie sind.

Sascha Marquardt: Wir haben auch die Situation, dass nicht nur die Kostenbelastung natürlich eine erhebliche sein wird, sondern auch die Ausfallzeiten, wenn Menschen, die in aktiven Beschäftigungsverhältnissen sind, sich um die Angehörigen kümmern müssen. Hier suchen Arbeitgeber händeringend nach entsprechenden Lösungen. Kann denn ein Arbeitgeber aus eigener Kraft heraus hier Dinge unternehmen, die spürbar seiner Belegschaft zugutekommen?

Bernd Raffelhüschen: Nun, der Arbeitgeber wird, was die Belegschaft angeht, flexibler sein müssen. Er kann nicht anders. Er muss damit rechnen, dass diejenigen, die bei ihm beschäftigt sind, mit einer relativ hohen Wahrscheinlichkeit letztlich Eltern haben, die pflegebedürftig sein werden. Und der Gang in die Pflege ist natürlich ein stufenweiser Gang, der von den Kindern oft sehr zeitintensiv begleitet wird. Von Arbeitgeberseite ist zwangsläufig eine spontane Flexibilisierung zu erwarten. Es nützt dabei nichts, wenn der Gesetzgeber mal ein oder zwei Tage in Auszeit vorschreibt.

Sascha Marquardt: Ganz plakativ gefragt: Kann ein Arbeitgeber das Glücksgefühl seiner Mitarbeiter beeinflussen?

Bernd Raffelhüschen: Ja, das ist natürlich eine ganz einfach zu beantwortende Frage, denn das Glücksgefühl eines Arbeitnehmers hängt natürlich zunächst mal davon ab, was er verdient. Und das kann man als Arbeitgeber natürlich beeinflussen. Allerdings muss der Arbeitnehmer das auch in der Wertschöpfung verdienen, was er da verdient. Und insofern ist das nicht etwas, was völlig erratisch kommt. Zufriedenheit ist nichts Zufälliges, sondern Zufriedenheit erwächst aus einer Summe von Dingen, zu denen natürlich auch Geld, Vermögen und Ähnliches gehört. Aber auch die Gemeinschaft und die Gemeinschaft ist auch eine familiäre Gemeinschaft. Und damit sind wir auch gleich bei der Pflegesituation. Pflegende Personen sind tatsächlich eher zufriedener mit den Lebensumständen, wenn sie ausreichend Zeit und Hilfe haben, um diesen Job zu machen. Denn der Job ist knallhart, vor allen Dingen dann, wenn sie auch persönlich involviert sind. An der Pflege selbst kann man nichts drehen. Wir sind als Menschen, und das muss man sich ganz klar machen, auf dieser Welt zu Besuch. Da ist nicht mehr der tolle Lebensabend, sondern da sind Widrigkeiten. Und wenn man da helfen kann bei seinen Eltern, dann schafft das Zufriedenheit. Nicht nur bei den Pflegepersonen selbst, sondern auch bei den zu pflegenden Personen. Und auch hier kann der Arbeitgeber natürlich ermöglichen, dort behilflich zu sein. Das schafft zufriedene Arbeitnehmer und das schafft dann auch Arbeitnehmer, die sich an den Betrieb gebunden fühlen.

Sascha Marquardt: Welche Tipps haben Sie aus Ihrer Forschungsarbeit für Unternehmer, sich für die Zukunft sattelfest zu machen? Welche großen Themen sind es, denen man jetzt Aufmerksamkeit widmen müsste oder vielleicht schon längst widmen hätte müssen?

Bernd Raffelhüschen: Nun, wir haben natürlich eine ganz ganze Reihe von Problemen, die die Arbeitgeberseite jetzt betrifft, die nichts mit der Demografie zu tun haben. Wenn man sich als Arbeitgeber jetzt die Herausforderungen klar macht, dann ist das letztlich zunächst einmal die Produktionsprozesse so zu organisieren, dass ich mit weniger Arbeit auskomme. Denn wir haben nicht mehr so viele Hände und wir haben vor allen Dingen nicht so qualifizierte Hände. Der Facharbeitermangel ist Legende in diesem Land, das muss man klar so sehen. Ich brauche also Bindungswirkung für meine guten Leute. Ich muss sie halten. Das ist ganz, ganz wichtig.

Sascha Marquardt: „Der Fachkräftemangel ist Legende.“ So darf ich Sie gerade zitieren. Könnten Sie das noch mal etwas ausformulieren, was Sie damit meinen?

Bernd Raffelhüschen: Nun, beim Fachkräftemangel haben wir ja zunächst mal einfach schlichtweg die demographische Situation. Wenn kaum mehr Menschen mit mehr als zwei oder drei Kindern unterwegs sind und gleichzeitig 1/3 Kinderlose sind, dann haben wir einfach schlichtweg die entsprechenden Facharbeiter nicht in die Welt gesetzt, die wir heute gebraucht hätten. So, das zweite ist, wir haben immer mehr auf die akademische Ausbildung gesetzt. Wir haben inzwischen Akademisierungsquoten, die sind unglaublich hoch. Wir schicken von einem Jahrgang fast 70 % der der Menschen auf die Gymnasien, lassen sie dann studieren. Das heißt auf gut Deutsch: Wir schränken die Facharbeiter, die wenigen, die demografisch noch da sind, noch zusätzlich dadurch ein, dass wir die Menschen in irgendwelche Studienfächer schicken, die dann letztlich schnurstracks in die Arbeitslosigkeit führen. Das ist, glaube ich, nicht Ziel und Sinn. Wir brauchen Facharbeiter, die mit Kopf und Hand Dinge zusammensetzen. Wir brauchen Menschen, die digitalisierte Facharbeiter sind. Das heißt jetzt aber nicht, dass sie über Gläser streichen können, sondern dass sie das Bestreichen der Gläser programmieren müssen. Wir brauchen statt zweiter und dritter Fremdsprache in den Schulen eine Programmiersprache. Wir müssen die Mathematik stärken. Wir müssen das stärken, was uns stark macht. Und das ist High Tech, Maschinenbau etc. pp.

Sascha Marquardt: Wie erleben Sie das in Ihrem Alltag an der Hochschule in Freiburg, insbesondere was Studierende angeht?

Bernd Raffelhüschen: Im Grunde genommen kommen immer mehr Menschen auf die Universitäten. Das ist in Ordnung. Wenn man das so will, dann kann man das machen. Aber mit der Akademisierung von vielen Berufen heißt es nicht, dass man seine entsprechenden Gehaltsvorstellungen auch nach oben hin anpassen darf, sondern wir sehen es ja auch in Skandinavien. Krankenschwestern sind dort Akademiker. Also es ist nicht der Weisheit letzter Schluss, glaube ich, wenn wir für Bildung so viele Jahre aufwenden, die dann letztlich keine Erträge in Form von Wertschöpfung abwerfen.

Aline Aha: Hätten Sie für unsere Zuhörer und Zuhörerinnen eine Empfehlung, was das Stichwort Vorsorge betrifft?

Bernd Raffelhüschen: Wir brauchen zwei Standbeine. Wir brauchen eine Umlage in der Grundversorgung. Und wir brauchen eine kapitalgedeckte Alterssicherung, Krankenversicherung und Pflegeversicherung obendrauf. Da haben wir die Weichen nicht richtiggestellt. Wir haben, was die Kapitaldeckung der Rentenversicherung angeht, eher die Umlage verbrieft, indem wir sehr viele Staatspapiere dort reingesetzt haben. In der Krankenversicherung sind wir überhaupt nicht weitergekommen, und in der Pflege haben wir die Umlage immer weiter ausgedehnt. Das heißt, das Ding, was wirklich demografisch am anfälligsten ist, nämlich die Umlagefinanzierung, wurde in Deutschland immer weiter ausgefahren. In Skandinavien, in Dänemark, in Schweden, in Norwegen ist die Kapitaldeckung das Muss. Und in Deutschland ist derjenige, der von Kapitaldeckung gesprochen hat, in den letzten 30, 40 Jahren quasi als Bestochener der Versicherungswirtschaft hingestellt worden. Ich kenne das sehr zu Genüge. Dennoch: wir brauchen zwei Beine. Der Mensch steht auf zwei Beinen, und zwar auf zwei gleichen Beinen. Wir haben im Moment im Grunde 90 % Umlagefinanzierung und nur 10 % Kapitaldeckung. Das ist ungesund.

Aline Aha: Wir als Privatpersonen sollten uns also mit unseren Finanzen auseinandersetzen und auch mal selbst tätig werden, weil wir uns eben nicht auf die Politik verlassen können. Ist das so korrekt?

Bernd Raffelhüschen: Das ist völlig korrekt so. Das Problem ist allerdings, dass wir den 40-, 50-, 60-Jährigen, die heute kurz oder mittelfristig in Rente gehen werden, leider durch eine Kapitaldeckung nicht mehr helfen können. Um eine vernünftige kapitalgedeckte Aktien-Rente zu organisieren, braucht es 30 Jahre. Dann hätte man eben mal so wie die Norweger 1992 anfangen müssen. Hätte, hätte, Fahrradkette. Aber Sie sind jung genug, um das zu realisieren. Die anderen, denen müssen wir leider sagen, dass wir bei den Leistungen von Renten-, Kranken-, Pflegeversicherung zurückschrauben müssen. Und zwar in Ihrem Interesse. Nämlich im Interesse der jungen Generation. Denn wenn wir das so weiterlaufen lassen wie jetzt, dann würden wir Ihrer Generation sagen müssen, dass sie fast 2/3 ihres Gehaltes für Sozialversicherungsabgaben reservieren müssen. Und wenn wir Ihnen dann noch mitteilen, dass sie auch 1/3 noch Steuern zu zahlen haben und ihnen dann nichts mehr bleibt, dann werden sie natürlich diese Generationen-Verträge infrage stellen. Das heißt, für die Älteren ist es wichtig, dass wir einfach klar machen, wir müssen die Beiträge für Renten-, Kranken- und Pflegeversicherung absolut einfrieren. Wir sind das Ende der Fahnenstange!

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